Rosie

„Lauf, Hennes, lauf!“

Eine Welle von Adrenalin strömte durch meinen Körper, als ich durch die Türen des Ladens rannte und dann die Straße entlang preschte. Die Nachmittagssonne brannte auf den Gehweg nieder, weshalb auch die meisten Menschen, die an diesem Tag draußen waren, Hüte trugen. Ich war schon immer einer der schnellsten Läufer meines Alters gewesen, weswegen es für mich kein Problem war vor meinen Verfolgern zu fliehen. Ich hörte laute Schritte hinter mir allerdings war ich mir nicht sicher, ob es sich dabei um Leute aus dem Laden handelte oder ob Peter, Jack oder Bobby ebenfalls fliehen konnten. Letzteres war sehr unwahrscheinlich, da ich schneller laufen sowie denken konnte, als meine Freunde. Mich störte es nicht sonderlich, denn so würde ich mehr von dem Brot haben, das ich unter meinem Shirt in den Bund meine Hose geklemmt hatte.

Ich entschied mich nicht in die ärmeren Viertel abzubiegen, wo ich meine Familie finden würde – vielleicht verfolgte man mich ja immer noch? -, sondern fand mich wenige Minuten später in einem Viertel mit weißgestrichenen Holzzäunen und hübschen Vorgärten vor. Nachdem ich endlich hinter mich gesehen hatte und niemanden entdeckte, begann ich mein Tempo zu drosseln und lediglich zu joggen. Mein Leinenhemd klebte mir an der Brust und meine Hosenträger waren mir beim Rennen von den Schultern gerutscht. Irgendwann wechselte ich von der Straße in die Gärten, sodass ich nun Schaukeln und Sandkästen betrachten konnte. Automatisch verglich ich die Gärten mit meinem eigenen. Unsere Schaukel war bereits ‚abgeschaukelt‘ wie Mom so gerne sagte und unser Sandkasten … nun ja, wenn es manchmal über Tage regnete hatten wir eine riesige Matschpfütze hinter dem Haus.

„Warum stehst du in unserem Garten?“, riss mich plötzlich eine Stimme aus meinen Gedanken. Erschrocken sah ich zu dem Mädchen, das aus dem Schatten eines Baumes trat. Ihr hellblondes haar war zu zwei Zöpfen geflochten worden und sie trug ein rosa Kleid mi irgendwelchen Blumen drauf. Vom Alter her müssten wir ungefähr gleich sein. „Bist du ein Einbrecher?“

Lachend schüttelte ich meinen Kopf. „Nein.“

„Wie ist dein Name? Ich habe dich hier noch nie gesehen.“ Mit geneigtem Kopf sah mich das Mädchen an. Ihr Blick schien mich beinahe zu durchbohren. Das Grinsen, das sich auf meinen Lippen ausbreitete, konnte ich mir nicht verkneifen.

„Hennes“, antwortete ich ehrlich und beobachtete, wie das Mädchen ihre Augenbrauen zusammenzog. Süß.

„Komischer Name. Klingt wie Hannah oder Janice oder beides zusammen.“

Empört verschränkte ich meine Arme vor der Brust. „Es ist eine Abkürzung für Johannes.“

„Klingt wie Johanna“, kicherte das Mädchen daraufhin nur. „Ich hab eine Freundin, die so heißt.“

„Und wie heißt du? Dein Name ist bestimmt noch komischer“, konterte ich, wobei mich das Mädchen mehr amüsierte als verletzte. Die Blondine ließ sich lächelnd auf ihrer Schaukel nieder und schwang leicht hin und her.

„Rosie Ann Elizabeth, aber du kannst mich Rosie nennen.“

„Das sind ja gleich drei komische Namen“, neckte ich sie und entlockte ihr ein weiteres Kichern. Ich entschied mich, dass ich ihr Lachen mochte. Rosies Lachen war schön.

„Was hast du da unter deinem Hemd?“, fragte Rosie neugierig, nachdem ihr Lachen erstickt war. Wie zuvor zog sie ihre Augenbrauen zusammen. Wenn sie das immer machte, würde sie bald falten bekommen wie meine Mutter. Mom bekam diese Falten auch nur wegen mir, sagte sie immer, weil sie sich sorgen musste.

„Nur ein Laib Brot“, sagte ich und holte das Stück unter meiner Kleidung hervor. Ich brach einen Fetzen davon ab und steckte es mir in den Mund. „Willst du etwas?“

„Nein, danke, wir essen bald Kuchen“, erwiderte Rose kopfschüttelnd. „Hast du das gestohlen?“

„Würde es mich zu einem schlechten Menschen machen, wenn es so wäre?“, hakte ich nach und hob eine Augenbraue. Rose rümpfte nachdenklich ihre Nase und summte leise. „Und wenn ich es getan hätte, weil ich hungrig war?“

„Nur vielleicht.“

„Vielleicht?“

„Ja, vielleicht, denn wenn du nochmal Hunger hast, kommst du einfach zu mir.“ Verwirrt sah ich sie an. Meinte sie das ernst? Sie wollte einen Dieb wie mich im Haus haben? „Wir haben immer zu viel Essen.“

„Okay“, sagte ich gedehnt und ging langsam rückwärts auf den Gartenzaun zu. „Vielleicht sehen wir uns nochmal, Miss Rosie.“ Ich salutierte dem Mädchen zu, bevor ich über den Gartenzaun sprang. Ich war schon beinahe um die Ecke verschwunden, als ich hörte, wie Rosie meinen Namen rief.

„Du hast mir nie gesagt, warum du in unserem Garten standst.“

Ich gab ihr keine Antwort. Ich zwinkerte lediglich.

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