7.Dezember

NYC, 7.12.

Hallo mein Töchterchen,

ich war heute früh im Büro und bin zeitig wieder raus. Ich hatte so eine Idee, die dir gefallen hätte, glaube ich.

Ich erinnere mich noch sehr genau an den Tag, an dem wir gemeinsam das erste mal in der Kirche waren. Nein, nicht zu Weihnachten – es war ein Sonntag, als wir allein zu Hause waren. Du hast mich gefragt, was am Sonntag die vielen Menschen in der Kirche machen. Also sind wir einfach hingegangen.

Warum ich da heute drüber nachdenke? Gestern Abend standen da zwei Damen vor der Tür und haben für eine biblische Gemeinde gesammelt. Ich habe mich früher nie mit diesen Frauen unterhalten, wenn sie geklingelt haben. Gestern war es anders. Ich habe sie reingebeten und mit ihnen gesprochen. Und dann haben sie mir zugehört – über alles und auch über dich. Es ist mir echt leicht gefallen. Nach zwei Gläsern Wein sind sie dann wieder gegangen. Sie haben mir nichts verkauft, aber das war für mich auch unwichtig.

Ich habe heute Nacht dann darüber nachgedacht und mich entschieden in „unsere“ Kirche zu gehen. Es ist die Kirche an der Targee Street. Ich weiß nicht mehr, wie oft wir da waren. Ich hab aufgehört zu zählen. Deine Mama wusste nichts davon. Oder hast du ihr was erzählt? Es war ein sehr schönes Gefühl hineinzugehen und die Schönheit der Orgel und des Altars waren wieder sehr beeindruckend. Ich war seit deinem Tod nicht mehr hier, nicht mal zu Weihnachten. Links hinten stand ein großer Weihnachtsbaum mit weißen Kugeln und unendlich vielen Lichtern. In den vorderen Reihen saßen vereinzelt Menschen und beteten oder schauten vor sich hin. Ich habe sie mir alle angeschaut, kurz überlegt, warum sie hier sind und wieder alleine gelassen.

Ich habe mich weiter hinten hin gesetzt und konnte das Vaterunser beten und habe ganz fest an dich gedacht. Ich habe immer noch das Bild von dir vor Augen, wie du die letzten Tage gekleidet warst. Es war schon nicht mehr Sommer und der Herbst hatte begonnen. Deine Haare hast du immer offen getragen. Außerdem hast du immer noch Kleider getragen, obwohl es morgens manchmal schon etwas kühler war. Im Winter mussten wir dir häufig sagen, dass du dich wärmer anziehen sollst, aber wichtig war ja eigentlich – Hauptsache, es schaut gut aus. Und wenn wir beide zusammen unterwegs waren, habe ich schon darauf geachtet, nicht wie dein Vater auszusehen, sondern wie ein cooler Kumpel. Das war in vielen Fällen bestimmt ein Lacher, wenn ich heute drüber nachdenke. Du hast deiner Mutter nachgeeifert und immer deine Lippen betont. Es war kein knalliges Rot sondern dezente Farben, aber ungeschminkt bist du nie aus dem Haus gegangen.

Du hast mich bei irgendeinem der Besuche hier danach gefragt, warum Menschen in die Kirche gehen. Eine der genannten Gründe war der Tod eines Angehörigen. Wenn die Eltern sterben oder der Partner gehen manche Menschen in die Kirche und finden Trost. Du hast damals gesagt, dass du hoffentlich nie ohne uns leben musst. Klar, wolltest du später ohne uns wohnen, aber wir waren Mum und Dad – das war immer wichtig für dich, auch wenn wir „komisch“ waren. Und du hattest leider so recht: du bist gestorben und hattest uns beide noch. Es ist eine der Dinge, die nie passieren dürften, wenn Eltern ihre Kinder überleben. Ich hoffe immer, wir waren in deinen letzten Gedanken.

Wie schön wäre es jetzt, wenn du an meiner Seite wärst. Ich fühle in manchen Momenten so eine unendlich tiefe Trauer, die mich fast ohnmächtig macht. Ich zieh mich immer sehr schwer wieder raus. Jedesmal wird es schwieriger. Es gibt halt nichts, was mich im Leben noch belohnt. Aber du bist in meinen Gedanken, wann immer ich es will. Dazu gehören auch einige schöne Momente.

Ich habe das aktuellste Bild von dir zu Hause jetzt auf den Kamin gestellt. Ich bin gespannt, was deine Mutter dazu sagen wird.

Lass dich drücken,

Dein Pa

Aus <https://www.wattpad.com/myworks/91279944/write/355003173&gt;

%d Bloggern gefällt das: